Das Geheimnis des russischen Lächelns

Warum lächeln die Russen nicht? Der berühmte Sprachwissenschaftler J. Sternin lüftet das Geheimnis

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Die Russen sind ein ausgesprochen „nichtlächelndes“ Volk — das kann jeder Ausländer beteuern. In Blogs und Reiseführern, im Privatgespräch, im Freundes- und Bekanntenkreis ist stets davon die Rede. Es ist wahr, dass Russen erheblich weniger lächeln als Vertreter anderer Nationen, allerdings ist dies nicht unbegründet.

Der Sprachwissenschaftler Professor Josif Sternin bezeichnet und erklärt das „Nicht-lächeln“ im Alltag als Eigenschaft des russischen Charakters. In folgenden Auszügen aus seinem Artikel wird der Linguist diverse Eigentümlichkeiten der mysteriösen russischen Seele ans Licht bringen.

<figcaption>Russen sind nicht wie Amerikaner, sie brauchen einen Grund zum Lächeln</figcaption>
Russen sind nicht wie Amerikaner, sie brauchen einen Grund zum Lächeln

1. Das Lächeln ist keine Höflichkeitsgeste in der russischen Gesellschaft. Im Westen ist das Lächeln zum Gruß reine Höflichkeit — je mehr ein Mensch lächelt, desto freundlicher ist er zu seinem Gegenüber. Ein permanentes höfliches Lächeln ist Russland allerdings ein „Pflichtlächeln“ und wird demnach als Makel betrachtet — ein „pflichtlächelnder“ Mensch ist verschlossen und unaufrichtig. Das russische Lächeln ist nämlich keine Höflichkeit, sondern ein Zeichen persönlicher Sympathie.

2. In Russland wird ein Lächeln wird ausschließlich demjenigen geschenkt, wen man persönlich kennt. Deswegen werden Sie nie eine lächelnde Verkäuferin erleben — sie kennt Sie ja nicht. Das wird sich aber im Falle einer Stammkundschaft ändern.

3. Zurückzulächeln ist ebenfalls untypisch. Wenn ein Russe einem ihn oder sie anlächelnden Unbekannten begegnet, so wird er oder sie, zweifelsohne, nach einem Grund suchen — vielleicht stimmt ja etwas mit der Kleidung oder mit der Frisur nicht, der Typ da muss ja Anlass zum Grinsen haben.

4. Zum Lächeln braucht ein Russe einen triftigen, offensichtlichen Grund. Das gibt der Person in den Augen Anderer das Recht zu lächeln. „Grundloses Lachen ist Anzeichen von Torheit“ heißt ein russisches Sprichwort, das keine fremdsprachigen Äquivalente kennt.

5. Das Nicht-lächeln des Russen (nicht mit Grimmigkeit gleichzustellen — Russen sind im Allgemeinen lustig, lebensfroh und scharfsinnig) ist auch im russischen Folklore vertreten — eine große Anzahl Sprichwörter und Sprüche, die „gegen“ das Lächeln gerichtet sind. Aus dem Wörterbuch von Wladimir Dahl „Sprichwörter des Russischen Volkes“:

- „Ein Scherz kann zu nichts Guten führen“

- „Auf Lachen folgt Sünde“

- „Und Scherz, und Sünde“

- „Ein anders Lachen endet im Weinen“

- „In Scherzen gibt es keine Wahrheit“

6. Es ist auch nicht Brauch während des Dienstes oder bei ernsthaften Angelegenheiten zu lächeln. Im Flughafen, zum Beispiel, gibt es keine lächelnden Zollbeamten — ihre Arbeit ist dafür zu wichtig und verantwortungsvoll.

7. Dem russischen Lächeln ziemt es sich nicht nur aufrichtig zu sein — das russische Lächeln ist ultimativ Ausdruck guter Laune oder inniger Zuneigung.

Das Lächeln eines Ausländers ist, kurzum, bedeutungslos — er ist es gewohnt. Ein Russe lächelt, weil er es wirklich möchte. 


Source: Adme.ru

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